So,
ich denke es ist an der Zeit eine erste Zwischenreflexion zu schreiben:
Meine Familie ist supernett und ich habe echt riesiges Glück gehabt, dass sie mich ausgewählt haben. Sie sind katholisch und jeden Abend gibt es von jedem für jeden das Kreuz auf die Stirn. Meine Gastmutter bekreuzigt sich sogar immer, wenn sie an einer Kirche vorbeikommt.
Mein Gastvater Lucas ist Manager auf einer Ranch, die 6.200 Hektar fasst, auf denen Rinder und Pferde gezüchtet werden. Diese "Estancia Curupy" ist wirklich ein Traum. Ich war schon dreimal mit und mein Gastbruder und ich sind geritten und es ist wirklich riesig und wunderschön. Allerdings wird es auf die Dauer dann schon ein bisschen langweilig, weil es halt auch immer das gleiche ist Aber Lucas hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht und ist stolz darauf, die Eltern jedes einzelnen Kalbes bestimmt zu haben. Er ist, wenn man so will, der Vater aller Kühe, oder der Herr der Rinder. Er ist eher der lockere und scherzt den ganzen Tag mit uns Kindern, auch wenn ich den Eindruck habe, dass er doch noch ziemlich konservativ ist. Er hasst es, wenn Leute den ganzen Tag nur an der "rambla"(Promenade) am Río Negro herumhängen oder jede Nacht Party machen, um am nächsten Tag bis elf zu schlafen - in den letzen Wochen waren diese Dinge meine hauptsächliche Beschäftigung. Auch Alkohol ist ein heikles Thema und ich glaube, es ist gut, dass meine Gasteltern nicht wissen, dass ich auch mal den einen oder andern Schluck vom Bier probiert habe. Aber sie brauchen sich eigentlich keine Sorgen zu machen, da das Bier hier nicht so besonders gut ist.
Das ist aber auch schon das einzige "Problem" - abgesehen von kleineren Heimweh-Wellen, das ich hier habe.
Meine Gastmutter Inés ist Hausfrau und scheint damit ebenfalls ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht zu haben. Ich bin der Meinung, sie hat einen Sauberkeitsfimmel. Hände vor dem Essen zu waschen ist ja schön und gut, aber die Milchtüten abzuschrubben, bevor sie in den Kühlschrank kommen finde ich persönlich ein ganz kleines bisschen seltsam. Aber dafür hat sie auch Monika, die Putzfrau, die regelmäßig kommt, um mit ihrer Hilfe die Wohnung ordentlich aufzuräumen. Fairer Weise muss man auch eingestehen, dass sie viel zu tun haben bei einer Horde von fünf Kindern. Natürlich räum ich mein Zeug immer selber weg, nicht dass man denkt ich würde alle Arbeit anderen überlassen. Inés ist wirklich auch supernett und es ist ihr sehr wichtig, dass ich ihre Gründe verstehe, wenn sie und Lucas mir mal etwas verbieten. Außerdem kann sie wirklich gut kochen. Ich glaube ich werde als Kugel wiederkommen, so süß und fettig ist das Essen hier: Morgens gibt es Toastbrot mit "dulce de leche", einer karamellähnlichen Creme, oder süßer Marmelade und dazu Milchkaffee oder Kakao. Ich habe mir angewöhnt dazu mindestens eine Schüssel Müsli zu essen, das ich mir selber kaufe. Mittags nach der Schule - so gegen 13.00 Uhr - gibt es dann, ganz wie in Hamburg das erste Mal warm. So gegen 18.00 Uhr gibt es dann "mirienda", wie die englische tea-time, wo man Kaffee trinkt und eine Kleinigkeit isst - natürlich süß. Zum Abendessen , so gegen 22.00 Uhr gibt es dann das zweite Mal warm. Meistens gibt es mindestens einmal am Tag Fleisch, und das Fleisch hier ist wirklich gut.
Ich weiß, dass das nicht unbedingt der gesündeste Ernährungsstil ist, aber ich versuche wenigstens immer zwischendurch ein bisschen Obst zu essen, oder zum Nachtisch noch Apfel zu verdrücken. Und ganz wichtig: Überall und immer, wenn man sich mit Freunden trifft, oder Abends mit den Gasteltern vorm Feuer im Ofen sitzt, wird Mate getrunken.
Meine Gastgeschwister Andrés(12), Sarah(11), Margarita(9) und Ana-Maria(4) sind auch alle total nett, wobei es für Andrés am Anfang natürlich schwer ist, auf einmal einen älteren Bruder zu haben.
Wir wohnen, wie fast jeder in Mercedes, in einem 1-Familien-Haus mit Innenhof, von wo aus unser Schäferhund Tizón das Haus bewacht. Es scheint hier nicht üblich zu sein, mit seinen Hunden Gassi zu gehen, da zwar fast jeder einen Hund im Garten hat, ich aber noch keinen auf der Straße gesehen habe - bis auf die Straßenköter, von denen es hier doch recht viele gibt. Aber ich werde in der nächsten Zeit mal versuchen mit Tizón Gassi zu gehen, weil er mir doch ziemlich Leid tut.
Die Schule hier ist wesentlich kleiner als das Emilie-Wüstenfeld-Gymnasium in Hamburg und es ist Grundschule und weiterführende Schule in einem. Das ist ziemlich clever gelöst, indem die Grundschüler nachmittags und die älteren morgens zur Schule gehen. Das heißt, die Klassenräume werden von zwei Klassen benutzt. Außerdem wird hier nicht, wie in Deutschland zwischen verschiedenen Lernniveaus unterschieden. Das heißt, es gebt nicht Gymnasium, Gesamtschule, etc., sondern nur den Unterschied zwischen öffentlichen und privaten Schulen. Ich gehe auf eine katholische Privatschule, in der die Kirche direkt integriert und unser Schuleiter einer von zwei Pastoren ist. Insgesamt ist der Umgang zwischen Lehrern und Schülern hier viel lockerer als bei uns in Deutschland. Man begrüßt sich mit Kuss auf die Wange und geduzt wird hier sowieso jeder. Man hat das Gefühl man ist unter Freunden.
In meiner Klasse habe ich auch schon viele Freunde kennen gelernt, mit denen ich mich Nachmittags nach der Schule, wie schon erwähnt, öfters mal an die "rambla" am Río Negro setzte, Mate trinke und über alles mögliche quatsche. Alles mögliche ist dabei definiert, durch die Anzahl der Dinge, die ich von fast nicht bis überhaupt nicht verstehe, weil meine Sprachkenntnisse bis jetzt leider noch nicht so überragend sind und mir das alles einfach noch Spanisch vorkommt. Aber die anderen geben sich wirklich Mühe, so dass ich es dann nach dem dritten Mal endlich verstehe. Manchmal sind sie darüber natürlich berechtigter Weise ein bisschen genervt, aber sie bringen Gott sei Dank genügend Verständnis auf, es trotzdem weiter zu versuchen.
Soweit meine erste Zwischenreflexion ich hoffe ich kann mich überwinden irgendwann eine zweite zu schreiben, die nur ansatzweise so lang ist.
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